Training unserer Tiere

Unsere Tiere trainieren wir täglich. Damit meine ich nicht, dass wir ihnen Zirkuslektionen beibringen, sondern dass wir sie an unterschiedlichste Geräusche und Situationen gewöhnen. So erschrecken sie nicht, wenn einmal ein Kind laut kreischt, ein Schirm aufgespannt wird, ein Luftballon knallt, ein Ball vorbeirollt oder ein Mensch im Rollstuhl auf sie zufährt. Trainiert werden Alltagssituationen. Auch das Stufensteigen mit den Eseln ist ein Thema, da es im Tal der Sieben Mühlen einige Stellen zu überwinden gilt, wo Granitbrocken in allen Größen und Formen den Weg darstellen. Die Übungslektionen empfinden unsere Esel nicht als Plagerei, sondern als großen Spaß. Als Belohnung erhalten sie keine Karotten, sondern ehrlich gemeintes Lob.

Von meinen ersten Versuchen, meine Esel zu trainieren, handelt die folgende Geschichte:

An einem seidenen Faden

Im Frühling vor zwei Jahren beschloss ich, dass es im Hinblick auf meine zukünftige tiergestützte Arbeit wohl langsam an der Zeit war, mit einem Eseltraining zu beginnen. Ich kaufte mir das Buch „Looking after a Donkey“ und begann gleich, die Anweisungen zu befolgen. Wenn Eselin Easy nicht gerade trainiert wurde, erlaubte ich ihr hin und wieder, auf eigene Faust im Garten herumzuwandern. Im März konnte sie meiner Meinung nach noch keinen großen Schaden anrichten. Doch es sollte anderes kommen:

„Mama, dein blöder Esel hat unsere schöne Sandburg zerstört!“ schreit Oliver wutentbrannt. „Sie rennt uns überall nach und geht uns auf die Nerven!“ beschwert sich sein kleiner Bruder Finn, während ihm Easy liebevoll die Haube vom Kopf stiehlt. „Beruhigt euch wieder“, versuche ich meine zu Recht verärgerten Kinder zu beruhigen. „Ich bringe sie in den Stall, dann könnt ihr in Ruhe weiter Sand spielen.“ Ich packe das unwillige Eseltier am Halfter. „Come on, Easy!“ sage ich streng mit meiner neuen Würde, die ich mir während der letzten Wochen Intensiv-Eseltrainings selbst antrainiert habe. „Walk!“ Und siehe da, sie geht brav mit. Einen Schritt.

Ich bin in einer misslichen Lage. Meine Ehre als Mutter und Leittier steht auf dem Spiel. Ich darf weder vor den kleinen Menschenwesen noch vor dem sturen Vieh als Verliererin dastehen. Meine ganze Zukunft hängt von diesem Moment ab. Es geht um Sein oder Nichtsein, Alles oder Nichts. Meine Kinder stehen breitbeinig da, wie zwei Cowboys aus einem Indianerfilm der 70er-Jahre, nur ohne Pistolen im Gürtel und mit rotzigen Nasen. Sie schauen mich finster an. Nun mischt sich auch Hund Charlie noch ein, sie will auch ein Stück vom Kuchen und rennt wild bellend um uns herum.

Ich fühle mich wie ein Häuflein Elend. Hilflosigkeit, Verzweiflung und Ratlosigkeit machen sich in mir breit. So habe ich mich nicht mehr gefühlt, seit ich zum ersten Mal ein IKEA-Kastl zusammengebaut habe. Da kommt mir die Erleuchtung. Die Möbelbau-Erfahrung hat mich gelehrt, mich nicht von einem großen Haufen Schrauben abschrecken zu lassen, sondern die Lösung Schritt für Schritt anzugehen. Ich nehme einen tiefen Atemzug und richte mich auf.

„Bad girl, Charlie! Go to bed!“ Mein gefährlicher Ton hat den gewünschten Effekt. Charlie zieht den Schwanz ein und kriecht demütig, wie es sich für einen guten Hund gehört, mit schiefem Grinsen unter die Bank neben der Haustür.

„Und nun zu euch beiden Streithähnen! Schnappt euch sofort die Schaufeln und beginnt mit dem Wiederaufbau! Sonst stecke ich euch mitsamt dem Esel in eine Salami! Auf in die Sandkiste! Fünf, vier, drei, zwei – Ich liebe Salami! – eins, null!“ Und weg sind sie.

Die Zuschauer habe ich mir erfolgreich vom Hals geschafft. Eine größere Blamage ist mir erspart geblieben. Nun habe ich einen schönen Überblick. Die Kinder spielen friedlich im Sandhaufen, der Hund liegt brav vor der Haustür in der Frühlingssonne. Wenn ihr mich sucht, ich stehe mit der Eselin zehn Schritte vom Stall entfernt! Ihr erkennt sie an der blau-grün-gestreiften Kinderhaube in ihrem Maul!

Hier einige Fotos von unserem Tiertraining im Rahmen der Ausbildung "Tiergestützte Pädagogik"