ARTGERECHTE TIERHALTUNG AUS OMAS SICHT

Obwohl wir versuchen unsere Tiere artgerecht zu halten, gibt es jemanden, der es noch besser könnte als wir. Nämlich – wie könnte es anders sein – die Oma, meine (Birgits) Mutter!

Dass auch Omas noch durch tiergestützte Arbeit etwas Wertvolles über und für das Leben lernen können, erzähle ich in einer Geschichte, die selbstverständlich auf einer wahren Begebenheit beruht:

Goldene Eier

Wenn es nach meiner Mutter ginge, die immer alles weiß, und wir endlich auf sie hören würden, dann hätten unsere Tiere ein fürstliches Leben auf unserem Hof. Die Kühe und Schafe wären auf Samt und Seide gebettet. Die Hühner pickten goldene Körner und legten zum Dank goldene Eier. Die Ziegen schliefen in Hängematten aus Brokat. Die Esel hätten ein gemütliches Plätzchen in unserem Wohnzimmer. Die Katzen teilten ihr Bett mit uns. Nur unser Kaninchen Timothy müsste sich nach wie vor mit dem Wäldchen hinter dem Gemüsegarten abfinden, denn niemandem ist es bisher gelungen es zu fangen, nachdem wir ihm zu Ostern die Freiheit geschenkt haben.

Da weder wir noch meine Mutter über die Reichtümer verfügen, die unseren Tieren ein ihnen angemessenes Leben ermöglichten, muss meine Mutter sich auf ein paar Kompromisse beschränken.

Wenn sie sich unbeobachtet fühlt, schnappt sie verstohlen ein Bündel Heu und schiebt es hinter meinem Rücken in die Futterkrippe der Esel. Die halbe Rente investiert sie in allerfeinstes Dosenfutter für unseren Hund. Den Hühnern schüttet sie eine Riesenportion Körner hin, die sie heimlich aus einem Eimer voll Getreideschrot schöpft.

Nach ihren rotbackigen Enkelkindern erkundigt sie sich nur alibihalber. In Wirklichkeit besucht sie uns, um die armseligen Katzen vor einem sicheren Hungertod zu bewahren, indem sie ihnen Milch bringt, die sie extra für die halbverhungerten Gerippe in meiner Küche aufwärmt. Selbstverständlich biologisch, sie will sich ja nicht mit uns in die Haare kriegen. Zuhause trinkt sie nur die billigste Milch. „Schließlich bin ich damit 70 Jahre alt geworden und war mein Lebtag lang gesund!“

„Mama, deine Milch mag ja billig sein. Aber die Kühe, die die Milch geben, fressen Soja. Und das wächst in Brasilien. Dafür holzen sie den Regenwald ab und dann reist das Soja um die halbe Welt, damit es unsere Rindviecher fressen können. Und in den Slums von Rio verhungern die Kinder!“ erkläre ich meiner Mutter zum wiederholten Male. Hat sie etwa schon Alzheimer? Hoffentlich nicht, sonst füttert sie unsere Tiere in Zukunft doppelt so oft! Obwohl, vielleicht vergisst sie deren Existenz dann komplett? Oder meine? „Das hast du mir schon tausendmal gesagt, hast du etwa schon Alzheimer?“ meint sie. „Und außerdem habe ich gerade für Licht ins Dunkel gespendet!“

Der einfallsreichste Ehemann von allen kommt herein und sieht mein Gesicht. „Oma!“ ruft er aufgeregt. „Hast du die Hühner gefüttert?“ „Natürlich nicht!“ antwortet sie entrüstet ob dieser haarsträubenden Anschuldigung. „Dann ist es ja gut. Ich habe nämlich Rattengift unter die Körner im Kübel gemischt. Seit du die Katzen so gut überfütterst, fangen sie ja keine Maus mehr und jetzt muss ich den Job erledigen!“

„Mein Gott!“ schreit sie entsetzt, stürzt wie ein aufgescheuchtes Huhn aus der Küche und lässt die sündteure biologische Milch überkochen.